Das Meer sorgt für jede Welle

Der Sufi-Mystiker Rumi (13. Jhdt, heutige Türkei) hat Verse geschrieben, die mich berühren und anstacheln, nicht mehr loslassen. Dieser Vers „Das Meer sorgt für jede Welle“ gehört auch dazu. Das weckt ein tiefes Vertrauen in mir: ich kann gar nicht untergehen. Ich kann gar nicht verloren gehen. Mein Gefühl und mein Erleben im Alltag ist oft so anders, so von Angst und Spannung durchzogen, ob es gelingt, ob ich es schaffe, ob wir es schaffen und wirklich merken, was gerade mit uns und unserer Welt geschieht und adäquat reagieren. Das Meer sorgt für jede Welle, sagt Rumi. Hier ist der ganze Vers:

Ergib dich der Gnade

Ergib dich der Gnade.
Das Meer sorgt für jede Welle,
bis sie ans Ufer gelangt.

Du brauchst mehr Hilfe,
als dir bewusst ist.

Hilfe

Beide Aspekte kommen in dem Vers zum Ausdruck: Es ist für alles gesorgt und Ich brauche Hilfe. Und genauso erlebe ich mich auch: Ich fand in den vergangenen Monaten tiefer ins Vertrauen, dass ich im Leben wie in einem Fluss getragen bin. Ich muss nur mitgehen mit jeder Bewegung. Je mehr ich in dieses Vertrauen eintauche, umso freier und beseelter gehe ich durch den Tag, meistere ich Herausforderungen. Ja, meistern, bisweilen einfach nur aufrappeln, immer wieder. Nichts von elegantem Drüberstehen. „Wir werden eingetaucht und mit den Wassern der Sintflut gewaschen, durchnetzt bis auf die Herzhaut.“ schreibt Hilde Domin in ihrem Gedicht „Bitte“. Genau so geht es mir. Ich bin so dankbar für diese Verse; denn sie spiegeln meine Erfahrung wider. Ich bin nicht allein damit. Ich bin gehört, werde verstanden in meinem Geworfen und Verloren sein. Zumindest erlebe ich es immer wieder als Verloren sein. Und Rumi erinnert mich daran, dass ich gar nicht verloren gehen kann: Das Meer sorgt für jede Welle, bis sie ans Ufer gelangt.

Ja.

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