Die grossen Bewegungen

Ich kam an das Ufer des Sees, blickte hinaus und spürte mit einem Mal: Trau den grossen Bewegungen, den grossen Elementen des Wassers, der Erde, der Liebe.

Da sind so viele Wellen, die durch mich hindurchrollen und meine Emotionen aufrühren, Geschehnisse, Gefühle, aussen, innen – da vergesse ich die grossen Bewegungen, den See, das Meer selbst, den Fluss, auf dem diese Bewegungen des Alltags geschehen. Schlagzeilen, Stimmungen, Befürchtungen, Nebel. Und dann diese unerwartete Begegnung mit dem Wasser, als ich zum See kam…

Ich merkte, wie im selben Moment Ängstlichkeit und Verwirrung sich lichteten, ich mich wieder still des Da-Seins freuen konnte und vertrauensvoll in das Dunkle hinein weiterging.

Das Meer sorgt für jede Welle

Der Sufi-Mystiker Rumi (13. Jhdt, heutige Türkei) hat Verse geschrieben, die mich berühren und anstacheln, nicht mehr loslassen. Dieser Vers «Das Meer sorgt für jede Welle» gehört auch dazu. Das weckt ein tiefes Vertrauen in mir: ich kann gar nicht untergehen. Ich kann gar nicht verloren gehen. Mein Gefühl und mein Erleben im Alltag ist oft so anders, so von Angst und Spannung durchzogen, ob es gelingt, ob ich es schaffe, ob wir es schaffen und wirklich merken, was gerade mit uns und unserer Welt geschieht und adäquat reagieren. Das Meer sorgt für jede Welle, sagt Rumi. Hier ist der ganze Vers:

Ergib dich der Gnade

Ergib dich der Gnade.
Das Meer sorgt für jede Welle,
bis sie ans Ufer gelangt.

Du brauchst mehr Hilfe,
als dir bewusst ist.

Hilfe

Beide Aspekte kommen in dem Vers zum Ausdruck: Es ist für alles gesorgt und Ich brauche Hilfe. Und genauso erlebe ich mich auch: Ich fand in den vergangenen Monaten tiefer ins Vertrauen, dass ich im Leben wie in einem Fluss getragen bin. Ich muss nur mitgehen mit jeder Bewegung. Je mehr ich in dieses Vertrauen eintauche, umso freier und beseelter gehe ich durch den Tag, meistere ich Herausforderungen. Ja, meistern, bisweilen einfach nur aufrappeln, immer wieder. Nichts von elegantem Drüberstehen. «Wir werden eingetaucht und mit den Wassern der Sintflut gewaschen, durchnetzt bis auf die Herzhaut.» schreibt Hilde Domin in ihrem Gedicht «Bitte». Genau so geht es mir. Ich bin so dankbar für diese Verse; denn sie spiegeln meine Erfahrung wider. Ich bin nicht allein damit. Ich bin gehört, werde verstanden in meinem Geworfen und Verloren sein. Zumindest erlebe ich es immer wieder als Verloren sein. Und Rumi erinnert mich daran, dass ich gar nicht verloren gehen kann: Das Meer sorgt für jede Welle, bis sie ans Ufer gelangt.

Ja.

mich ruhig werden lassen

Mich ruhig werden lassen
der Stille lauschen
dem Herzen folgen
die Seele spüren
weit und tief
wie ein See
unaufhörlich genährt
von ihrem unsichtbaren Ursprung
jeden Tag, jeden Moment
leben

So wird der Blick klar
für das Alltägliche
das Not-wendende
Kraft wird frei
geschehen zu lassen
zu entscheiden
zu handeln
unser Leben und unsere Erde
zu gestalten

Martin R. Steiner

Meditation ist …

Meditation ist nicht Kontrolle

„Meditation ist nicht bloss die Kontrolle von Körper und Gedanken, sie ist auch kein System des Ein- und Ausatmens.“ Bei diesen Worten von Krishnamurti horche ich auf. Was kommt jetzt? Was ist Meditation? Es ist so einfach, worauf er hinauswill und es ist so unmittelbar wirksam im gleichen Moment, in dem ich mir dessen bewusst werde:

Man muss mit dem Geist beginnen

„Man muss mit dem Geist beginnen und nicht mit dem Körper, dem Geist, der das Denken und die Vielfalt der Ausdrucksformen des Denkens ist. Die blosse Konzentration macht das Denken eng, begrenzt und starr, doch die Konzentration kommt als etwas Natürliches, wenn man seiner Denkgewohnheiten gewahr wird. Dieses Gewahrsein kommt nicht aus dem Denker, der auswählt und verwirft, der festhält und ablehnt. Dieses Gewahrsein kommt ohne Wahl und umfasst sowohl das Äussere wie auch das Innere; es ist ein Austausch zwischen beiden, und damit geht die Trennung zwischen dem Ässeren und dem Inneren zu Ende. …

Aufmerksam werden für die Unaufmerksamkeit

Im Gewahrsein aller Vorgänge entsteht Aufmerksamkeit, die nicht das Produkt von Unaufmerksamkeit ist. Die Unaufmerksamkeit hat ja die vergnüglichen Gewohnheiten des Körpers diktiert und die Intensität der Gefühle verwässert. Unaufmerksamkeit kann nicht in Aufmerksamkeit verwandelt werden. Das Gewahrsein der Unaufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit“ schreibt Krishnamurti in seinem Buch «Liebe gleicht dem Duft der Rose» auf Seite 93.

Still werde ich von selbst, wenn …

Das Gewahrsein der Unaufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit. Ganz einfach. Diese Feststellung finde ich sehr erhellend. Wie oft probiere ich, über Konzentration Kontrolle über meine inneren Vorgänge zu bekommen, auch in der Meditation oder gerade dort. Ich erhöhe dabei die Anstrengung und ungewollt den inneren Konflikt zwischen dem, was ist (Unaufmerksamkeit) und dem, was ich möchte, was ich mir vorstelle (z.B. still werden zu wollen). Still werde ich von selbst, wenn ich mir der Unaufmerksamkeit bewusstwerde. Es ist nicht machbar. Es ist geschieht vielmehr.

Jene, die mit mir meditieren, wissen, dass ich den Körper als äusserst hilfreiche Tür in die Gegenwärtigkeit ansehe. Deshalb beginne ich auch gerne die Meditationen damit, den Fokus auf den Körper zu lenken, das Gewicht zu spüren, meine Basis, mich zu erden usw. Ich werde das auch entgegen dem Rat von Krishnamurti wahrscheinlich noch oft so machen und anleiten. Und zugleich ist mir sein Impuls präsent: Unaufmerksamkeit nicht vertreiben zu wollen, sondern ihrer bewusst zu werden.

Martin Steiner

Guten Morgen, Leben

Da ist sie wieder: guten Morgen, Angst, guten Morgen, neuer Tag, guten Morgen, meine Seele, meine Lebendigkeit. Versteck dich nicht, du wirst nicht zertrampelt, berühre den neuen Tag mit deiner Präsenz – du bist da. Berühre die Begegnungen mit deinem Zauber, deinem Lächeln, deiner Scheu – alles ist neu. Niemand weiss, was geschieht. Fürchte dich nicht. Flüchte dich nicht in die alten Bahnen, nur um irgend einen Schutz haben zu wollen, denn er ist keiner, lässt dich laufen wie ein Zahnrad in einer alten, viel zu grossen Maschine in einer Fabrik, die dich zerschlägt wie Getreide. Guten Morgen, Haferflocke, steh auf zu neuen Gefühlen, wach auf, sei da, küss mich, ich brauche dich, genau dich. Berühre mich, meine Seele, durchwachse diese Stunde mit deinem Licht, sickere in meine dunklen Gefühle, erhelle die Albträume meiner Leere, die Blechtrommel meiner Ängste, die scheppert und poltert.

Guten Morgen, Nachbar, guten Morgen, Politikerin bei Zeitung und Kaffee. Guten Morgen, du junge Kraft, die du glaubst, ja weisst, dass das Morgen erwächst aus einem liebenden, bangen Herzen. Guten Morgen, Leben. Ich bin da.

Martin Steiner

Oder mit Worten von Sri Aurobindo: «Verwandle Anstrengung in gleichmässiges, zärtliches Ausströmen von Seelenkraft – sei bewusst Kraft – das ist dein Ziel.»